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Tag: hohler

es freut mich.





der unnütze



schon lange
sollte ich den thujabaum
vor meinem fenster
fällen
alle, die von gärten etwas verstehen
raten mir’s
er ist zu schnell gewachsen
seinerzeit
und ragt nun
alt und viel zu schütter
bis zum zweiten stock
frisst licht und boden
aber dient zu nichts.

jetzt sitzt ein star
auf einem seiner äste
putzt die federn
schlägt dann seine flügel
und singt den morgen ein
der müsste sonst woanders sitzen
denk ich
und es freut mich
dass er ausgerechnet hier
die flügel schlägt
und singt
auf diesem ausgedörrten ast
der leise schwankt
an einem baum
der gar nichts nützt.



franz hohler
[aus: vierzig vorbei – luchterhand]




m. 09.04.2009, 09.24 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

in nordgrönland.

 





wo die kälte herkommt



ganz weit oben in nordgrönland sitzt auf einem eisberg die kältehummel. sie ist 20'000 kilo schwer und möchte gern fliegen. ihre flügel sind aber viel zu schwach. trotzdem lässt sie sie dauernd auf und ab schwirren, weil sie hofft, es gelinge ihr eines tages doch noch. dadurch bewegt sie die eiskalte luft so stark, dass diese bis zu uns kommt. den ganzen winter lang übt die kältehummel, bis sie im frühling erschöpft einschläft. zum glück, denn sonst hätten wir keinen sommer. im sommer schläft die kältehummel und träumt, sie könne fliegen. ein schläuling, der nicht gerne fror, schickte ihr einmal ein paket voll schlaftabletten, weil er hoffte, sie schlafe dann auch im winter. aber der briefträger war ein eisbär, und der war so neugierig, dass er das paket aufmachte und alle tabletten selber schluckte. seither wird in nordgrönland keine post mehr ausgetragen, denn der eisbär schläft noch heute, und weil er der einzige ist, der weiss, wo die kältehummel wohnt, kann niemand sagen, wie es ihr jetzt geht, aber so lang es jedes jahr winter wird, können wir annehmen, dass sie noch lebt.



franz hohler

[aus: schneeflocken tanzen in der nacht. 24 geschichten für kalte winterabende – dtv]




m. 21.11.2008, 10.04 | (5/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

federleicht.

 





höhenflug



leicht will ich werden
liebste
federleicht
dann kann ich dich
fliegen lasen
und wir werden beide
unsere eigenen kreise ziehn
wie zwei adler
hoch überm dunst der täler
und kehren doch zurück
zum anderen
wenn es abend wird.



franz hohler
[aus: vom richtigen gebrauch der zeit – luchterhand]




m. 27.10.2008, 10.36 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

wie geht es ihnen?





66 fragen



wie gross sind sie?
wie lange können sie den atem anhalten?
können sie durch die finger pfeifen?
wann haben sie das letztemal einen purzelbaum gemacht?
wenn sie in einem restaurant sind und einen kaffee trinken, und es gibt verpackten zucker dazu, und sie trinken den kaffee ohne zucker - nehmen sie dann den zucker mit?
kennen sie viele apfelsorten?
können sie etwas über nagetiere sagen?
worum ging es im ersten weltkrieg?
kennen sie den namen ihres briefträgers?
glauben sie an impfungen?
wogegen?
gibt es ein gedicht, das sie auswendig können?
gibt es ein unanständiges gedicht, das sie auswendig können?
von wem stammt die kuh ab?
was finden sie schwerer, aufhören oder anfangen?
wie heissen sie?
sind sie mit ihrem namen zufrieden?
wenn nicht, wie möchten sie lieber heissen?
können sie ein märchen erzählen?
haben sie zu hause einen luftbefeuchter?
worauf hoffen sie?
können sie an einer zoohandlung vorbeigehen, ohne hineinzuschauen?
können sie an einer handlung für damenwäsche vorbeigehen, ohne hineinzuschauen?
sind sie männlichen oder weiblichen geschlechts?
was stellen sie sich unter bandenergie vor?
waren sie schon einmal in psychiatrischer behandlung?
wem gehören sie?
glauben sie, dass man zeit gewinnen kann?
schreiben sie von ihren ferien ansichtskarten?
wem?
hassen sie leute, die witze im kopf behalten können?
denken sie oft ja, wenn sie nein sagen?
gibt es einen metzger, den sie persönlich kennen?
können sie einen blindgänger markieren?
dieses leichte stechen in der nierengegend, haben sie das schon lange?
geben sie alle ihre einkünfte der steuer an?
wieso wehren sie sich gegen das wort hinterziehung?
hassen sie die pest?
wie geht es ihnen?
wissen sie, was ein moschusochse ist?
wenn sie es nicht wissen, interessiert es sie, zu wissen, was das ist?
können sie den unterschied zwischen einer aktie und einer obligation erklären?
benutzen sie die wörter "dein, ihr, euer" am schluss eines briefes?
schreiben sie briefe?
glauben sie daran, dass sie einmal sterben müssen?
glauben sie das wirklich?
kennen sie jemanden, der gelb als lieblingsfarbe hat?
wie gut kennen sie ihn?
fürchten sie sich vor verkäuferinnen?
beginnen sie ihre unterschrift oben oder unten?
gehen sie gern zu fuss?
wann sind sie zum letztenmal rot geworden?
gibt es ein wort, das ihnen zuwider ist?
wenn sie einen pfirsich anfassen, kriegen sie da eine hühnerhaut?
werfen sie schnüre von paketen, die sie bekommen, weg?
wo wohnen sie?
können sie kochen?
töten sie gern insekten?
haben sie ein taschenmesser?
wo liegt ihrer meinung nach abu dhabi?
macht es ihnen nichts aus, eine salbe gegen hämorrhoiden zu kaufen?
gibt es etwas, das sie noch nachholen möchten?
wie alt sind sie?
ist ihnen der gedanke an rohes fleisch unangenehm?
haben sie diese fragen nur gelesen oder auch beantwortet?
wo denken sie hin?



franz hohler




 

m. 03.09.2008, 12.17 | (2/2) Kommentare (RSS) | TB | PL

unterwegs.

 





nähe



so nah bei dir
so nah
ist mir so warm
als wäre ich
in einem andern land
als hätt ich
grenzen hinter mir gelassen
die ich gar nicht kannte
und hielte rast
auf einer wahrhaft
ungeheuren reise
unterwegs
ins herz der welt



franz hohler*
[aus: vierzig vorbei]




mit meinen besten glückwünschen!




m. 20.12.2007, 19.18 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

es gwitter.

 





s läbe



mängisch dunkts eim scho
dass s läbe nüt anders sig
als es gwitter

und mir

mir seckle derdur
und der eint breicht der blitz
und der ander nit
und nienen e hütte
wyt und breit


franz hohler




m. 10.10.2007, 17.26 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

eigentlich nichts.





frage und antwort



was kann man
gegen die trauer tun?

eigentlich nichts

ausser trauern.



franz hohler
[aus: vom richtigen gebrauch der zeit]


 

m. 11.09.2007, 17.32 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

wanderer.




wanderer



wanderer, nur dyni tritt
si der wäg, wo d nid darfsch verloh.
wanderer, s git kei wäg
du sälber machsch ne im goh.
dört, wo du gohsch, isch der wäg
suech rueig dyni spur und lueg zrugg:
du gohsch nie meh über dä stäg
du gohsch nie meh über die brugg.
wanderer, s git kei wäg
nume bäch, wo nie blybe stoh.



antonio machado
übersetzt von franz hohler
[aus: vom richtigen gebrauch der zeit]




 

m. 10.03.2007, 09.04 | (0/0) Kommentare | TB | PL



kommentare.
tabea:
*nickt*ja!
...mehr

eva:
so viel ... ja.wunderbares gedicht, danke!
...mehr

Quer:
Oh ja, immer wieder gilt es, aus dem Nichts z
...mehr

marianne:
so wahr!
...mehr

eva:
das wäre mal eine abwechslung, indeed ... "se
...mehr

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