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Blogeinträge (Tag-sortiert)

Tag: krolow

verstehen sie?





das gefühl von wörtern im kopf



sie werden älter und wenn sie
noch zuhören können:
das ist leben. es geht weiter.
unablässig eine bestimmte
aufmerksamkeit. sie wird erwartet.
leben wird so gelebt,
eine natürliche sache
wie fragen und antworten
und sogar nicht hören,
verstehen sie? sie verstehen,
nicht zuzuhören und zu behalten,
was gesagt wird.
vielleicht eine kunst.
sie hören alles als gesumm,
sätze, zusammenhänge,
fortgang und handlung,
ohne auf anfang und ende
zu warten, nur das gefühl von wörtern
im kopf. mit diesem gefühl
wird im präsens gelebt,
mit immer anderen wörtern
wird unablässig erzählt.



karl krolow
[aus: gesammelte gedichte, band 3 – suhrkamp]



 

m. 01.09.2010, 08.27 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

beliebig.





seestück



da angelt kein mensch
einen schellfisch
vor lauter küste!
verschiedene dampfer
fahren vorbei, beliebig
als wäre überall wasser,
das bis auf den grund
nass ist. die oberfläche
bleibt schiffbar und blau,
eine postkarte lang,
die man von bord schreibt.
gefühl für die nautik
hat niemand, solange
er nicht an land steht
und winkt.



karl krolow
[aus: gesammelte gedichte – suhrkamp]



 

m. 14.08.2010, 09.34 | (0/0) Kommentare | TB | PL

licht.




bei tagesbeginn



dämmerung – stichflamme
zwischen bäumen.

im ziehenden licht
kentern die nachtlampen.

hähne finden
die sprache des morgens.

eine strasse erkennt
ihren weg.

aus einer unbekannten romanze
schlägt eine rose
die augen auf.

der sich in ihrem duft
verirrende luftschiffer.

zwei häuser, die
einander näher kommen,
mit einem liebespaar
und duftenden fenstern.

azur: blaues geräusch
des unerklärlichen
horizonts.



karl krolow
[aus: landschaften für mich – suhrkamp]



 

m. 23.05.2010, 09.15 | (2/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

ein schatz.





die mine



wer sich der worte bedient, begibt sich in gefahr.

der wortschatz ist vermint, wie er seit je es war.

er wird so überdauern.

nur so bleibt er ein schatz, so lange in worten lauern,
als ihrem rechten platz, gefahren, wie sie nur hier
bestehn: am geeigneten ort, auf beliebigem papier -
die wartende mine: wort.



karl krolow
[aus: die handvoll sand - insel verlag]



 

m. 01.05.2010, 15.10 | (0/0) Kommentare | TB | PL

geduldig.





älter werden



l

mit dem fingernagel
jahreszahlen
zerkratzen.

leichterer schlaf.
der traum von kurzen sätzen.

der schwarze chambertin
mit der erinnerung an weinläden,
die die phantasie wärmten -
(sein spiegel sinkt
in der flasche).

in einem zimmer
mit sterbenden buchstaben leben.

ein fremder mund,
der mir die sprache raubt.

ihn geduldig
den eigenen namen nennen hören.



karl krolow
[aus: alltägliche gedichte - suhrkamp]




m. 25.10.2009, 14.25 | (0/0) Kommentare | TB | PL

was man braucht.





mit langem arm



mit langem arm
reicht man weit
in eine freundliche zukunft,

hält, was man braucht,
rechtzeitig in händen,
hat seinen einfluss
auf verhältnisse.
mit ovalem gesicht
macht man sein glück,
geht richtig durch offenstehende
türen, boden unter den füssen.
über die schulter sieht man
die tage an mit ihren kniebeugen.
später wendet man den kopf
in andere richtung,
niemand kennt die muskeln,
die man für sich selber
spielen lässt, allein,
vor dem schlafengehen.



karl krolow
[aus: alltägliche gedichte – suhrkamp]




 

m. 09.09.2009, 09.15 | (0/0) Kommentare | TB | PL

so weit, so gut.





meinungen



meinungen sind mir lieb.
aus ansichtskarten
lässt sich ihr schicksal lesen.
die landschaft ist als überzeugung
bequem zur hand,
belaubt im sommer, später kahl,
nur manchmal immergrün.
ich sehe das gelände
sich ständig ändern.
oben der himmel bleibt.
mit sachkenntnis
färbt er sich morgens rot: aurora.
man denkt an zukunft.
doch der tag wird anders.
er zieht sich hin.
so weit, so gut.
die zeit wird schliesslich lang
und unterm fingernagel
schmutzig.



karl krolow
[aus: alltägliche gedichte – suhrkamp]


 

m. 17.07.2009, 10.39 | (0/0) Kommentare | TB | PL

handlich.





höhe des frühjahrs



man winkt mit tüchern
unter den bäumen des landes.

ohne überlegung
entstehen grüne schatten.

die gegenstände
sind nicht mehr einsam.

die ferne wird handlich
mit ihrem einfachen
wolkenhimmel.

dagegen
dir irregeführten augen:
die blumen wuchsen
zu rasch für ein zeichenheft.

ihre von der luft
verdünnten farben.

später
mit überhitztem kalklicht
der sommer.



karl krolow
[aus: alltägliche gedichte – suhrkamp]




 

m. 18.05.2009, 09.06 | (0/0) Kommentare | TB | PL

handküsse.





auf dem rückzug



schliesslich konnte man nicht einmal mehr
leitern an ihn legen.
auch keine kleinen feuer.

augenpaare und streichhölzer
überredeten ihn vergebens.
er war nicht brennbar.

dafür kam es vor,
dass er auf sein zimmer ging
und durchs fenster
verbeugungen austeilte.

unterm bett wartete
ein korb voller handküsse
auf den wink einiger verstorbener.

sie zeigten sich ihm manchmal
in einer wolke.



karl krolow
[aus: unsichtbare hände – suhrkamp]




 

m. 27.03.2009, 08.57 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

von diesem licht.



foto: marianne rieter






der augenblick des fensters



jemand schüttet licht
aus dem fenster.
die rosen der luft
blühen auf.
und in der strasse
heben die kinder beim spiel
die augen.
tauben naschen von seiner süsse.
die mädchen werden schön
und die männer sanft
von diesem licht.
aber ehe es ihnen die anderen sagen
ist das fenster von jemandem
wieder geschlossen worden.



karl krolow




m. 14.01.2009, 09.16 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL



kommentare.
Quer:
Was für ein vielsagender und berührender Satz
...mehr

eva:
das loslassen von fiktionen wie anfang und en
...mehr

Ursula:
Herrlich!
...mehr

Jorge D.R.:
Brigitte hat recht:Die Collage ist eine Wucht
...mehr

tabea:
mach ich ;-)((( )))tabea
...mehr

fortsetzung folgt.


marianne rieter
fortsetzung folgt

leseheft mit 21 gedichten
ISBN 978-3-94 1296-20-6
im proberaum, klingenberg
eur 6.90 + porto

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